Graz · Ratgeber
Die Grazer Altstadt zu Fuß
Die Grazer Altstadt ist kein Freilichtmuseum mit Absperrband, sondern das Zentrum einer Stadt, in der Leute einkaufen, zur Arbeit gehen und mittags in der Sonne sitzen. Das ist der Grund, warum ein Rundgang hier anders funktioniert als in Städten, die ihr Zentrum an den Tourismus abgegeben haben: Man kommt nicht an Sehenswürdigkeiten vorbei, man kommt durch Gassen, in denen zufällig welche stehen.
Das historische Zentrum steht seit 1999 auf der UNESCO-Welterbeliste; 2010 wurde Schloss Eggenberg am westlichen Stadtrand in dieselbe Eintragung aufgenommen. Seit 2011 ist Graz außerdem UNESCO City of Design — eine getrennte Auszeichnung, die aber erklärt, warum zwischen den Renaissancehöfen immer wieder betont zeitgenössische Architektur steht, ohne dass es wie ein Unfall aussieht.
Der Rundgang, in der Reihenfolge, in der er funktioniert
Hauptplatz. Ausgangspunkt, weil hier alles zusammenläuft: das Rathaus an der Südseite, die Straßenbahn-Haltestelle Hauptplatz/Congress, und in jede Richtung eine Gasse, die irgendwohin führt. Der Platz ist kein Ort zum Verweilen — er ist ein Verkehrsknoten mit hübscher Fassadenkante. Zum Sitzen taugen die Plätze dahinter besser.
Sporgasse. Nach Nordosten hinauf, schmal, ansteigend, voll. Wenn Graz eine Gasse hat, die jeder fotografiert, dann diese. Auf halber Höhe die Bäckerei Sorger (Sporgasse 4), weiter oben Ramen und Sushi in Hausnummern, die aus dem 16. Jahrhundert stammen — das ist die Altstadt-Mischung in einem Satz.
Paulustor und Karmeliterplatz. Am oberen Ende der Sporgasse öffnet sich das obere Stadtviertel: das Paulustor als Rest der Stadtbefestigung, dahinter das Volkskundemuseum in der Paulustorgasse 13. Hier wird es schlagartig ruhig. Wer nach vierzig Minuten Gedränge eine Pause braucht, findet sie hier, nicht am Hauptplatz.
Burg und Doppelwendeltreppe. Ein paar Schritte südlich liegt die Burg mit der Doppelwendeltreppe — zwei ineinander verschraubte Steintreppen, die sich auf jedem Absatz treffen und wieder trennen. Sie steht in einem Innenhof, ist frei zugänglich, und die meisten Besucher laufen daran vorbei, weil kein Schild sie ankündigt.
Dom, Mausoleum, Bürgergasse. Direkt daneben. Die Bürgergasse ist eine der wenigen Gassen, in denen Museum und Galerie und Wohnhaus in derselben Reihe stehen: Diözesanmuseum (Bürgergasse 2), esc medien kunst labor (Bürgergasse 5), dazwischen Türen ohne Beschriftung.
Glockenspielplatz. Kleiner Platz, dreimal täglich klappern zwei Holzfiguren im Giebel. Es dauert kurz und ist genau so kitschig, wie es klingt. Die Uhrzeiten hängen am Haus — sie haben sich über die Jahre verschoben, also lieber ablesen als vorher glauben.
Herrengasse und Landeszeughaus. Nach Süden, die breite Einkaufsachse hinunter. Auf halbem Weg das Landeszeughaus (Herrengasse 16), die größte erhaltene historische Waffenkammer der Welt: vier Stockwerke Harnische und Hellebarden, dicht an dicht gestapelt wie in einem Lager, was es ja auch war. Wer glaubt, Rüstungen nicht zu mögen, sollte trotzdem hinein — der Eindruck entsteht aus der Menge, nicht aus den Einzelstücken.
Joanneumsviertel. Am Südende. Unter einem Platz liegen Neue Galerie, Naturkundemuseum und CoSA in einem gemeinsamen Untergeschoß, oben steht nur ein gläsernes Dachfeld im Pflaster. Das ist der Punkt, an dem die City-of-Design-Auszeichnung aufhört, eine Urkunde zu sein.
Schlossbergplatz und Murinsel. Zurück nach Norden zum Fluss. Die Murinsel ist eine begehbare Stahlkonstruktion mitten in der Mur, halb Café, halb Skulptur, mit einer Brücke an jedes Ufer. Von hier führt der Weg auf den Schlossberg — Stiege, Lift oder Bahn, die Unterschiede stehen im Schlossberg-Vergleich.
Was der Rundgang kostet — an Zeit, nicht an Geld
Die reinen Gehzeiten sind lächerlich klein. Vom Hauptplatz zum Joanneumsviertel, zum Paulustor oder zum Schlossbergplatz sind es jeweils wenige Minuten. Realistisch dauert die Runde trotzdem einen halben bis ganzen Tag, weil sie an mindestens vier Stellen ein Museum berührt und an mindestens acht ein Kaffeehaus.
Zwei Hinweise zur Wegführung, die keine Karte zeigt:
- Die Altstadt steigt an. Nach Norden und Nordosten geht es bergauf, gegen den Schlossberg. Wer die Runde gegen den Uhrzeigersinn geht (erst Herrengasse, dann Sporgasse), hat den Anstieg am Ende statt am Anfang.
- Die Mur trennt mehr, als sie sollte. Zwischen Altstadt und Lend liegen nur wenige Meter Wasser, aber die Brücken sitzen nicht dort, wo man sie gerade braucht. Das kostet regelmäßig fünf Minuten Umweg — auch in unseren eigenen Gehzeit-Angaben, die Luftlinie rechnen und keine Brücke kennen.
Was in der Altstadt nicht steht
Das Gegenstück zur Altstadt liegt am anderen Murufer. Das Kunsthaus Graz (Lendkai 1) — der „Friendly Alien“ — gehört zur Erzählung dieser Stadt genauso wie der Uhrturm, steht aber in Lend, nicht im historischen Zentrum. Wer nur die Altstadt abgeht, hat die eine Hälfte der Grazer Design-Geschichte gesehen und die andere ausgelassen. Zehn Minuten Fußweg trennen die beiden.
Ähnlich beim Essen: Die Altstadt hat Weinstuben und Kaffeehäuser in hoher Dichte, aber die Küche, für die Graz in den letzten Jahren bekannt wurde, steht großteils in Lend und Jakomini. Der Überblick nach Stadtteilen steht unter Essen in Graz.
Wohnen im Rundgang
Wer in der Inneren Stadt schläft, spart sich den Weg — und zahlt ihn beim Zimmerpreis. Der Kompromiss, der in Graz meistens aufgeht, ist ein Haus am Rand der Altstadt statt mittendrin: gleiche Gehzeiten, spürbar andere Preise.
- Palais-Hotel Erzherzog Johann — direkt an der Sackstraße, wenige Schritte vom Hauptplatz. Die teuerste, aber auch kürzeste Variante.
- Boutique Hotel Dom — im oberen Stadtviertel bei Dom und Burg, ruhiger als die Einkaufsachsen.
- Hotel Das Weitzer — am Grieskai, also schon am anderen Ufer, aber über die Brücke in wenigen Minuten am Hauptplatz.
Der vollständige Vergleich aller Häuser im historischen Zentrum steht unter Innere Stadt; welche Lagen sonst noch als „Zentrum“ verkauft werden, klärt Was „Zentrum“ in Graz wirklich heißt.
Mit dem Auto: Die Altstadt ist zum größten Teil Fußgängerzone, der Rest liegt in der Blauen Zone mit drei Stunden Höchstparkdauer. Das ist keine Gegend, in der man mit dem Wagen herumfährt und einen Platz sucht — was die Alternativen sind, steht unter Parken in Graz.
Alle 66 in unseren Daten erfassten Sehenswürdigkeiten, dazu Parks, Lokale und Haltestellen, liegen auf der Karte mit 976 Orten — dort lässt sich der Rundgang um die eigene Unterkunft herum neu sortieren, statt ihn vom Hauptplatz aus zu denken.