Graz · Ratgeber
Design in Graz unter €130
Graz ist seit März 2011 UNESCO City of Design. Das ist kein Werbeslogan einer Tourismusagentur, sondern ein Titel des UNESCO Creative Cities Network, und er ist der sachliche Grund, warum es diese Site überhaupt gibt.
Der Titel beruht auf einer Eigenheit, die man in Graz an einem Nachmittag sehen kann: Die Stadt hat ihr historisches Zentrum vollständig erhalten — es steht seit 1999 auf der Welterbeliste — und stellt trotzdem betont gegenwärtige Architektur mitten hinein, ohne dass es wie ein Unfall wirkt. Das Kunsthaus Graz am Lendkai 1, im Bezirk Lend, ist das offensichtlichste Beispiel: ein blaues, blasenförmiges Gebäude direkt gegenüber der Altstadt, an das ein historisches Eisenhaus angebaut ist. Dazu die Murinsel im Fluss und das Joanneumsviertel, das drei Museen unter einen Platz legt und oben nur ein Glasdach im Pflaster stehen lässt.
Wichtig für die Hotelwahl: Das Kunsthaus steht nicht in der Altstadt. Es steht in Lend, auf der anderen Murseite. Wer die Designseite von Graz sucht, sucht nicht nur im historischen Zentrum.
Wo die Grenze verläuft
Unsere Nische ist mit 55 bis 130 Euro pro Nacht definiert. Diese Zahl ist keine Willkür, sondern die Grenze, an der sich in Graz zwei Dinge trennen: Häuser, die gestalterisch etwas wollen und trotzdem als normale Übernachtung durchgehen — und Häuser, bei denen man für die Gestaltung eine eigene Entscheidung trifft.
Die zweite Gruppe führen wir mit, aber getrennt. Sie ist nicht besser, sie beantwortet nur eine andere Frage.
Im Band: Design, das man beiläufig bucht
In Lend, wo das Kunsthaus steht:
- Lendhotel — nahe dem Lendplatz, im Bezirk, der die zeitgenössische Seite der Stadt trägt. Preislich am oberen Rand des Bands.
- Hotel Das Weitzer — am Grieskai, direkt am Fluss und nur wenige Minuten vom Hauptplatz. Der Einstieg liegt tief im Band, nach oben geht das Haus deutlich darüber hinaus — hier zahlt sich frühes Buchen aus.
- Hotel Daniel Graz — am Europaplatz vor dem Hauptbahnhof. Das reduzierteste Haus der Auswahl, gestalterisch konsequent, und das einzige Designhaus in unmittelbarer Bahnhofsnähe.
- Gasthof Lend-Platzl — am Lendplatz selbst, mit der dichtesten Lokalauswahl der Stadt vor der Tür. Am oberen Rand des Bands.
In der Altstadt:
- Boutique Hotel Dom — Bürgergasse, im oberen Stadtviertel bei Dom und Burg. Ruhiger als die Einkaufsachsen und trotzdem mitten drin.
Südlich davon:
- Augarten Art Hotel — Schönaugasse, Mitglied der Design Hotels, mit dem Augarten vor der Tür. Beginnt knapp unter der Grenze und geht darüber hinaus.
- Motel One Graz — am Jakominiplatz. Ein Kettenhaus, und genau deshalb erwähnenswert: Es ist gestalterisch konsequenter als manche Häuser, die „Boutique“ im Namen tragen, und es liegt preislich tief im Band bei sehr kurzen Wegen.
Über dem Band: die Anker
Diese Häuser führen wir mit, weil eine Stadtübersicht ohne sie unvollständig wäre. Sie liegen aber über der Nische, und wir tun nicht so, als wären sie ein Preis-Leistungs-Tipp.
- Schlossberghotel – Das Kunsthotel — am Kaiser-Franz-Josef-Kai, unmittelbar unter dem Schlossberg.
- Kai 36, Palais-Hotel Erzherzog Johann, Aiola Living und das Grand Hôtel Wiesler — alle in der Inneren Stadt beziehungsweise am Grieskai, alle deutlich über 130 Euro.
Wo „Design“ nur ein Wort ist
Beide Begriffe — Boutique und Design — sind ungeschützt. Jedes Haus darf sie verwenden, und viele tun es. Drei Prüfungen, die in Graz meistens reichen:
- Steht die Gestaltung im ganzen Haus oder nur in der Lobby? Bildergalerien zeigen gern den einen guten Raum. Zimmerfotos in der Standardkategorie sind aussagekräftiger als die Suite.
- Passt die Gestaltung zum Gebäude? Die überzeugendsten Häuser in Graz arbeiten mit ihrer Substanz, statt sie zu überkleben. Ein Gewölbe bleibt ein Gewölbe.
- Ist es eigentümergeführt? Kein Qualitätsmerkmal an sich, aber es erklärt oft, warum ein Haus eine Handschrift hat und ein anderes ein Konzept.
Unser eigenes Vorgehen dazu: Die Kennzeichnung „Design“ in unseren Daten ist redaktionell und nicht gemessen. Sie geht in den Hotel-Score ein, aber nur mit geringem Gewicht — sie darf eine knappe Entscheidung kippen, nie eine gewinnen. Was messbar ist, sind Preis und Gehzeit; was nicht messbar ist, soll auch nicht so tun.
Warum Design in Graz billiger ist als anderswo
Es liegt an der Bausubstanz. Graz hat ein vollständig erhaltenes historisches Zentrum und daran anschließend Gründerzeitviertel, die nie großflächig ersetzt wurden. Wer hier ein Hotel aufmacht, arbeitet fast immer mit einem vorhandenen Gebäude — und ein Umbau, der die Substanz nutzt, ist gestalterisch oft interessanter als ein Neubau, ohne teurer zu sein.
Dazu kommt die Größe der Stadt. Graz ist kein Markt, auf dem sich ein Haus allein über den Preis positionieren kann; die Nachfrage kommt aus Wochenendreisen, Messebesuchen und dem Universitätsbetrieb, nicht aus einem ganzjährigen Besucherstrom. Das hält das Niveau unten — und ist der Grund, warum in Graz gestalterisch ambitionierte Häuser im selben Band liegen wie anderswo die zweckmäßigen.
Die Einschränkung dazu: Preisbänder auf dieser Site sind recherchierte Richtwerte, keine Live-Raten. In der ersten Oktoberhälfte und im Advent gelten andere Zahlen.
Die Route, die den Titel erklärt
Wer verstehen will, warum Graz den Titel trägt, geht diese Reihe an einem Nachmittag ab: Joanneumsviertel (drei Museen unter einem Platz) → Herrengasse und Hauptplatz (die historische Substanz) → Schlossbergplatz und Murinsel → über die Brücke zum Kunsthaus Graz in Lend → weiter zum Lendplatz. Das sind wenige Kilometer und der komplette Bogen von 1999 zu 2011.
Der Rundgang durch das historische Zentrum steht ausführlich unter Die Grazer Altstadt zu Fuß; welche Lagen sich zu Recht „zentral“ nennen, unter Was „Zentrum“ in Graz wirklich heißt. Der Vergleich aller Stadtteile steht unter Wo in Graz übernachten, die Häuser selbst unter Lend & Gries, Innere Stadt und Jakomini & Geidorf.